Von Piloten, Lokführern und Taxifahrern

Geschrieben von André Podszus am Freitag, 26. Oktober 2012

Piloten

üben einen der faszinierendsten und anspruchvollsten Berufe aus. Sie tragen die Verantwortung für bis zu 900 Menschen in ihrem Flieger. Sie müssen ein hochkomplexes technisches Gerät beherrschen und wenn sie einen schweren Fehler begehen, dann kann es noch viel mehr Menschenleben am Boden kosten.
Deshalb wird alles getan, solche Fehler zu verhindern:
Piloten sind stets zu zweit, sie reisen auf reservierten Wegen durch die Lüfte und die Flugkontrolle sorgt dafür, dass ihnen niemand entgegen kommt oder sie auf gleicher Höhe überholt.

Viele technische Einrichtungen stehen ihnen zur Verfügung, vom Autopiloten über Regenradar bis zum Instrumenten-Landesystem, das sie auch bei Nebel sicher auf den Boden zurück bringt.
Piloten machen für uns den Traum vom Fliegen wahr! Sie sind hoch angesehen und werden nicht schlecht dafür bezahlt.

Lokführer

war früher der zeitweilige Traumberuf eines jeden Jungen. Das waren die Zeiten, in denen kohlenstaubgeschwärzte Köpfe aus dem Führerstand schwarzer dampfender und fauchender Maschinen lugten. Aber auch heute hat es eine große Faszination, im Kopf eines Pfeilschnellen ICE zu sitzen und mit annähernd 300 km/h um die 500 Passagiere schnell an ihr Reiseziel zu bringen.
Auch wenn der Lokführer somit nur sehr niedrig „fliegt“, so ist auch seine Verantwortung enorm. Er fährt zwar auf vorgegeben Wegen, die das Stellwerk ihm bereitet, und muss nicht lenken, aber er muss sein Gefährt perfekt beherrschen, die Signale nicht nur kennen, sondern auch rechtzeitig erkennen, beginnen zu bremsen, wenn die Fahrgäste noch gar nicht an den nächsten Halt denken.
Und weil eine E-Lok nun mal keinen Heizer mehr braucht, ist der Zugführer alleine.

Als „Copilot“ dienen ihm technische Systeme, die den Zug automatisch abbremsen, falls der Lokführer ohnmächtig wird oder ein rotes Signal überfährt.
Wie der Pilot seinen Flugplan, so hat der Lokführer seinen Fahrplan, der ihn stets wissen lässt, zu welchem Zeitpunkt seiner Arbeit er wo sein soll und sein wird.
Obwohl der Lokführer nicht so gut bezahlt wird wie ein Pilot, so genießt auch er hohes Ansehen. Schließlich trägt auch er Verantwortung für viele hundert Menschen und kennt sich aus in der bunten Welt der Vor-, Zwischen- und Hauptsignale, die uns Reisenden so fremd ist.

Taxifahrer

hingegen ist kein „Beruf“. Autofahren kann fast jede(r)! Menschen im Auto mitzunehmen ist eine Selbstverständlichkeit, über die man nicht lange nachdenken muss. Und wenn man zur Arbeit, nach Hause oder zu Freunden, ins Theater oder in die Sommerfrische fährt, ist doch klar, welchen Weg man nehmen muss.
Daran ist also nichts Besonderes und so ist der Taxifahrer weder besonders angesehen, noch wird er besonders gut bezahlt.
Aber auch dem Taxifahrer sind Menschenleben anvertraut. Auch wenn es nur ein, zwei oder gelegentlich einmal sechs oder acht sind.

Und er ist auf sich allein gestellt. Natürlich hat der Taxifahrer heute auch moderne Hilfsmittel zur Hand; er muss das Auto nicht mehr mit der Handkurbel anwerfen, die Automatik schaltet die Gänge und auf nasser Straße helfen ihm ABS und ESP, möglichst auf der Straße zu bleiben und den Vordermann nicht zu touchieren.
Seine Wege sind jedoch nicht festgelegt. Kein „Straßenraum-Kontrollzentrum“ teilt ihm Routen zu, auf denen er sicher und unbehelligt fahren kann. Kein Stellwerk sorgt für seine Grüne Welle auf dem freigeschalteten Fahrweg. Eher im Gegenteil:
Wenn der Fahrgast einsteigt, muss der Taxifahrer versuchen, das Fahrtziel eindeutig zu identifizieren, um dann (in Hamburg) aus über 8.800 Straßen den kürzesten (oder auf Wunsch den schnellsten) Weg zu finden. Und dabei kann und darf er sich nicht blind auf sein „Navi“ verlassen, denn das kennt nicht das vor zwei Wochen eingerichtete Linksabbiegeverbot auf der Hauptstraße, es kennt nicht die vorgestern eingerichtete Sperrung, die für die kommenden Monate den kürzesten Weg im Wortsinne verbaut.
Nach Beginn der Fahrt gilt es dann, die Fahrgäste sicher ans Ziel zu bringen. Durch einen Großstadt-Dschungel, in dem gefährliche Wesen versuchen, sein Vorhaben zunichte zu machen: 
Gäste vom Lande, die auf der dritten Spur vorsichtshalber 40 fahren und wildgewordene Maserati-Fahrer, die ihre Boliden mit 100 Sachen durchs Wohngebiet prügeln; riesige LKW, die nicht blinken müssen, weil sie mit ihren 40 Tonnen ohnehin Vorfahrt haben, ebenso wie wahnsinnig gewordene Radfahrer, die im 21. Gang mit Tempo 45 ohne Licht auf der falschen Straßenseite das „Recht des Schwächeren“ gnadenlos durchsetzen; schwarz gekleidete Rentnerinnen, die sich bei Dunkelheit und Starkregen 50 Meter vor der Ampel todesmutig auf die Ausfallstraße stürzen, ebenso wie Kleinkinder auf Fahrrädern, deren Eltern kein Problem darin sehen, dass ihre Liebsten mit ihrem wackeligen Fahrstil auf dem Bordstein balancieren. (Und natürlich andere Taxifahrer…)

Und der Taxifahrer ist nicht allein in seinem „Cockpit“. Die Menschen, die sich ihm anvertrauen, sind ganz dicht bei ihm und sie sind so unterschiedlich, wie es nur denkbar ist: 
Der Geschäftsmann, der in schnarrendem Ton sein Fahrtziel nennt, um dann unverzüglich am Handy die nächsten Anweisungen zu erteilen oder die größten Geschäftsgeheimnisse gut hörbar kundzutun; die viel zu junge Frau, die zur Strahlentherapie muss; das Mütterchen mit Gehwagen, das zu schüchtern ist, darum zu bitten, die Einkäufe an die Haustür zu tragen; die fünf jungen Männer, die 10 Minuten lamentieren, weil sie ihre offenen Bierflaschen nicht mit ins Taxi nehmen durften; die Touristen, die sich über manche Information freuen, die es bei der Stadtrundfahrt nicht gab; der hanseatische Kaufmann aus den Elbvororten, mit dem man schnell einig ist, dass der Zustand der Wirtschaft bedenklich ist und Renditen über 7% „unanssständig“ sind; der betrunkene Kneipengast, der sich in fünf Minuten fünfzehnmal entschuldigt, dass er betrunken ist.

Der gute Taxifahrer bleibt freundlich und gelassen, wenn er seit einer Stunde keine Tour hatte und der nächste Fahrgast für 4,80 „um die Ecke“ möchte. Er kennt seine Stadt, weiß wo und wann eine Veranstaltung endet und Fahrgäste warten. Er hebt das schwere Gepäck in den Kofferraum, hilft beim Einsteigen, klappt Gehwagen und Rollstühle zusammen und wieder auseinander. Er tröstet auf dem Weg zur Beerdigung und lacht mit den Besuchern einer Komödie. Er weiß nicht, wohin ihn die Wege seiner Fahrgäste in einer Stunde geführt haben werden. Unplanbarkeit und Überraschung, Langeweile und dann wieder sofortige höchste Konzentration sind sein Arbeitsalltag. Er ist am Bahnhof und am Flughafen derjenige, der die Arbeit der Lokführer und Piloten fortsetzt und oft genug jene selbst bis vor deren Haustür bringt.

Wenn man all das bedenkt, dann wird der Taxifahrer sicher nicht besser bezahlt werden, aber vielleicht wächst ja sein Ansehen ein ganz klein wenig…