Exkurs: Ein Blick auf (Medien)Kompetenz

Die Koalitionsverhandlungen sind eingeläutet und Union und SPD versuchen sich über ihre Regierungsprogramm zu verständigen. Die Bildung spielt dabei zwar eine Rolle, kann aber hinsichtlich des Kooperationsverbotes zwischen Bund und Länder nur in Ansätzen thematisiert werden. Dennoch sind die meisten Bildungsfragen sehr wohl relevant für die gesamte BRD. Gerade für Menschen die sich derzeit noch in Schule oder Ausbildung befinden, können die folgenden Gedanken interessant sein.

Unsere Gesellschaft hinterfragt das Bildungssystem andauernd – aber nur hinsichtlich seiner formalen Aspekte. Über die Inhalte spricht kaum jemand. Statt die wesentlichen Dinge zu lehren, die Menschen später brauchen, vertieft das Bildungssystem Wissen akademisch: Im Chemieunterricht lernen die Schüler die Additionsreaktionen am Benzolkern, in der Mathematik Stochastik, im Deutschunterricht müssen sie zum x-ten Mal den „Faust“ interpretieren, es geht um eher nutzlosen Bildungsballast. Und dahinter steckt ein grundsätzlicher Denkfehler, dem wir das teilweise erschreckende Versagen von Berufstätigen

in ihren Jobs verdanken, sagt der Kommunikationswissenschaftler, Berater und Autor Thilo Baum (Jobscast JC016). Kinder, die heute zur Schule gehen, erleben eine Welt im Umbruch. Die Devise vom Wachstum ohne Grenzen hat sich als Irrweg erwiesen – die Gesellschaft wird von Krisen erschüttert. Während globale Problemlagen wie die Krise des Finanzsystems und die Energie- und Klimakrise oft abstrakt bleiben merken Kinder und Jugendliche im täglichen Miteinander – die Gesellschaft driftet auseinander.

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Praktiker, die ihr Geld in der Wirtschaft verdienen – und das sind am Ende die meisten Schulabgänger – wundern sich mitunter über diese vielen Debatten zu Formfragen. Welche Rolle spielt es, ob meine Kinder im Stuhlkreis sitzen, wenn sie die wesentlichen Dinge ohnehin nicht lernen? Sie lernen nicht, wie man mit Geld umgeht – warum also manche Menschen immer wieder Geldsorgen haben, während andere ein Vermögen bilden. Unsere Kinder lernen nicht, wie sie sich selbst und andere motivieren können, sondern nur, dass gewisse Dinge eben zu tun seien und man sich anstrengen solle. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Fähigkeit sich selbst Wissen anzueignen. Die Schule sieht ihre Pflichten erfüllt. Vermittelt sie doch mal ein bisschen Google-Kunde hier und ein bisschen Textverarbeitung da.
Selbst die Erarbeitung von Inhalten in Eigenarbeit oder in Gruppen wird den Kindern in möglichst künstlichen Szenarien näher gebracht. Und selbst die Medienkompetenz wird von der Politik neuerdings ernst genommen – sogar zur Allgemeinbildung erklärt. Fast scheint es also, dass die Wichtigkeit dieser Themen tatsächlich anerkannt wird, niemand sich aber wirklich traut die nötigen Veränderungen und die nötige Umwälzung im gesamten Bildungssystem anzustoßen. Wichtig wäre dies in Deutschland allemal – in einem Land, das keine nennenswerten Rohstoffe besitzt – seinen wirtschaftlichen Erfolg nur aus dem Export von Ideen zieht. Kompetenzen sind die Antwort des Schulsystems auf die gesellschaftliche und mediale Revolution. Wie erfolgreich diese Bemühungen sind zeigt die Abbildung beispielhaft an der Medienkompetenz.

Gefragt ist für die Zukunft ein kreativer und kritischer Umgang mit Wissen und Informationen. Dies wird besonders deutlich, wenn man die Halbwertzeit* von Wissen betrachtet. Mit 50 Prozent Wertverlust des Wissens rechnen Experten beim Schulwissen nach 20 Jahren – bei technologischem- und IT-Wissen sogar schon nach ein bis fünf Jahren. Dass nicht einmal 20 Prozent der Schüler den reflektierten Umgang mit dem Internet in der Schule lernen ist daher umso erschreckender. Zu hoffen bleibt also, dass sich genügend Menschen betroffen fühlen und mit Forderungen an Politik und Mitmenschen eine Bewegung in der Bildungslandschaft hervorrufen können.

Definition: *Halbwertzeit von Wissen
Unter der Halbwertzeit des Wissens is die Zeitspanne zu verstehen, in der Erlerntes oder vorhandenes Wissen an Wert verliert – sprich, nur noch halb so viel Wert ist, wie zum Zeitpunkt des Wissenserwerbs.